TRMNL BWRY: Ein E-Ink-Display gegen abgelaufenen Joghurt
Meine Erfahrung mit dem TRMNL BWRY als Küchendisplay für einen selbst gebauten Kühlschrank-Tracker mit MHD-Liste, Müllkalender und ehrlicher Wegwerf-Statistik.
Veröffentlicht · 2. August 2026

Es gibt diesen Moment, den jeder kennt.
Man räumt den Kühlschrank aus, und hinten links steht ein Joghurt, der seit elf Tagen abgelaufen ist. Gekauft mit guten Absichten. Vergessen mit System.
Ich habe das lange für eine Charakterschwäche gehalten.
Inzwischen glaube ich: Es ist ein Datenproblem.
Das MHD wohnt in der schlechtesten Datenbank der Welt
Die Information ist ja da.
Auf jeder Packung steht ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Klein gedruckt, gerne am Falz, gerne mit dem Rücken zur Tür, hinter der Milch, bei fünf Grad.
Um zu wissen, was diese Woche dran ist, müsste ich den Kühlschrank öffnen und jede Packung einzeln drehen. Das macht natürlich niemand.
Einmal kurz zur Ehrenrettung des Datums: Mir ist völlig klar, dass ein Mindesthaltbarkeitsdatum kein Ablaufdatum ist. Da steht mindestens haltbar bis. Joghurt wird um Mitternacht nicht schlagartig schlecht, Hartkäse und Senf lachen noch Wochen später darüber.
Praktisch ist die Zahl trotzdem, weil sie die einzige ist, mit der ich sortieren kann, was zuerst dran ist.
Und bei leicht Verderblichem hört der Spaß sowieso auf. Auf Hackfleisch und frischem Fisch steht kein Mindesthaltbarkeits-, sondern ein Verbrauchsdatum, und das meint es wirklich ernst. Genau solche Sachen will ich im Blick haben, bevor ich anfangen muss, an einer Packung zu riechen.
Zettel an der Tür haben wir probiert. Der Zettel war nach vier Tagen selbst abgelaufen.
Und Apps zum Vorräte-Tracken gibt es viele. Aber eine App, die ich aktiv öffnen muss, ist eine App, die ich nicht öffne. Schon gar nicht abends um sechs mit einer Pfanne in der Hand.
Das Problem war also nicht fehlende Information. Das Problem war, dass die Information nie da war, wo entschieden wird, was gekocht wird.
Also habe ich einen Kühlschrank-Tracker gebaut
Der erste Teil der Lösung ist eine kleine selbst gebaute Web-App.
Nach dem Einkauf wird gescannt: Barcode vor die Handykamera, die App holt sich Name und Bild aus Open Food Facts, ich tippe das MHD ein, fertig. Mit der Zeit lernt sie sogar, wie lange ein Produkt bei uns typischerweise hält, und schlägt das Datum gleich mit vor.
Für Sachen ohne Barcode, zum Beispiel das frische Fleisch aus der HelloFresh-Box, gibt es den Foto-Weg: Foto machen, ein Vision-Modell liest Name, Menge und MHD von der Packung, und ich bestätige.
Bestätigen ist hier das wichtige Wort. Die KI darf vorschlagen, aber nichts still eintragen. Wenn das Datum schlecht lesbar war, sagt sie das ehrlich dazu. Dieselbe Regel wie bei meiner Gmail-zu-Kalender-Automation: KI erkennt, ich entscheide.
Und beim Rausnehmen gibt es genau zwei Knöpfe: gegessen oder weggeworfen.
Warum ausgerechnet ein E-Ink-Display
Jetzt der ehrliche Teil: Die App allein hätte das Problem nicht gelöst.
Apps muss man öffnen.
Die Liste musste dahin, wo die Entscheidung fällt: an die Wand in der Küche.
Genau dafür hängt dort jetzt das TRMNL BWRY. Ein 7,5-Zoll-E-Ink-Display, das genau vier Farben kann: Schwarz, Weiß, Rot und Gelb. Daher der Name. Es läuft monatelang auf Akku, leuchtet nicht, summt nicht und will keine Aufmerksamkeit. Es hängt einfach da und ist ein ruhiges Stück Information.
Vier Farben klingt erstmal nach wenig.
Für einen Kühlschrank ist es exakt die richtige Menge: Rot heißt abgelaufen oder heute fällig. Gelb heißt die nächsten drei Tage. Alles andere darf schwarzweiß sein und einfach in Ruhe warten.
Ganz unten ist noch eine schwarze Leiste mit den nächsten Abfuhrterminen: Bio, Gelbe Tonne, Papier, Restmüll. Steht eine Tonne in den nächsten zwei Tagen an, bekommt sie einen gelben Punkt auf der Leiste. Auch das ist eine Information, die man komischerweise immer genau dann braucht, wenn man gerade in der Küche steht.
Technisch ist TRMNL erfreulich offen. Es gibt fertige Plugins für Kalender, Wetter und ähnliches, aber eben auch private Plugins: Das Display holt sich in festen Abständen JSON von einem eigenen Endpoint und rendert ein eigenes Template. Mein Endpoint liefert die Kühlschrank-Liste, sortiert nach Fälligkeit.
Die App dahinter ist ein kleines Nuxt-Projekt und läuft da, wo meine TypeScript-Sachen immer landen: auf Vercel.
Was sich dadurch verändert hat
Der Alltagseffekt ist unspektakulär und gerade deshalb gut.
Ich gehe morgens Kaffee holen und sehe im Vorbeigehen: zwei Sachen bald fällig. Seitdem planen wir das Abendessen oft nach dem Display. Dann gibt es heute eben das Ding mit der Paprika.
- Die Information ist da, wo gekocht wird. Kein App-Öffnen, kein Nachdenken, ein Blick im Vorbeigehen reicht.
- Rot und Gelb funktionieren sofort. Niemand liest an einer Küchenwand Tabellen. Farbe an der Kante der Zeile reicht völlig.
- Einmal am Tag ein Push, mehr nicht. Jedes Handy darf selbst einstellen, um wie viel Uhr und mit wie viel Vorlauf. Kein Benachrichtigungs-Dauerfeuer.
- Die Statistik tut weh. Aus gegessen oder weggeworfen wird eine Wegwerfquote und eine kleine Hitliste der am häufigsten weggeworfenen Produkte.
Vor allem der letzte Punkt hat mich erwischt.
Eine Zahl, die einem sagt, wie viel Prozent der erfassten Lebensmittel im Müll gelandet sind, diskutiert nicht. Sie hängt nur da. Seit das Display in der Küche ist, werfen wir merklich weniger weg, weil die bald fälligen Sachen jetzt gegessen werden statt entdeckt. Eine belastbare Zahl habe ich dafür noch nicht.
Die ehrlichen Grenzen
Das Setup ist gut. Es ist nicht magisch.
- Tracken bleibt Handarbeit. Jedes Produkt muss gescannt oder fotografiert werden. Wer damit nach zwei Wochen aufhört, hat ein sehr ruhiges Display mit sehr falschen Daten.
- Es gibt keine Zauberkamera im Kühlschrank. Nichts erkennt automatisch, was reinkommt oder rausgeht.
- E-Ink ist ruhig, nicht schnell. Das Display aktualisiert sich in festen Abständen, und ein Farb-Refresh ist ein kurzes, sichtbares Geflacker. Für eine MHD-Liste völlig egal, für Echtzeit-Träume nicht.
- Ohne Bastellust fehlt das Beste. Das TRMNL funktioniert auch mit fertigen Plugins gut. Aber genau dieses Kühlschrank-Setup kann man nicht kaufen, das muss man bauen oder nachbauen.
- BWRY ist eine limitierte Edition. Wer keins mehr bekommt: Das normale schwarzweiße TRMNL kann dasselbe, nur eben ohne Rot und Gelb. Es funktioniert, verliert aber den halben Witz.
Würde ich es empfehlen?
Ja, mit einer klaren Fußnote.
Das TRMNL BWRY lohnt sich für Leute, die ein echtes wiederkehrendes Informationsproblem haben und Freude daran, es mit einem kleinen eigenen Werkzeug zu lösen. Der Kühlschrank ist mein Fall. Bei anderen ist es der Kalender, das Wetter am Fahrradständer oder der Zug zur Arbeit.
Falsch ist es für alle, die erwarten, dass Technik das Problem ohne eigene Disziplin löst. Das Display ist ein Spiegel, kein Butler.
Das TRMNL macht nichts intelligenter. Es hängt nur die richtige Information an die richtige Wand.
Der Joghurt hinten links hat seitdem keine Chance mehr.
✦Vier Farben, ein Blick beim Kaffeeholen, und abgelaufener Joghurt ist bei uns von der Regel zur Ausnahme geworden.
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